Sonate für drei Großstädte und eine GROSSSTADT

Sonate für drei Großstädte und eine GROSSSTADT

Fabian Herrmann

geocities.ws/curiepolis

 

Der Mond setzt sich auf den Ast einer Birke, wie’s sich gehört, krault einen Kauz hinter den Flügeln, wartet auf die Straßenbahn. Da kommt sie schon, biegt quirrend schnirrend um die Kurve, gelblaternt friedlich in die Gleisschleife der Endhaltestelle Heckenwerder. Wald, verfallene Wohnhäuser, Mond in der Birke (grinsend: diese Menschen sind so ulkig), Studentenwohnheim im unsanierten Plattenbau (sonst war nichts mehr frei, die Stadt ist bis zum Bersten mit Studenten gefüllt, selbst Mülltonnen und hohle Bäume vermieten sie schon), ringsum nachtstruppige Wiese, Schnellimbispapiertüten und eine langsam mit dem Erdreich verrostschmelzende Waschmaschine, in deren Trommel seit einigen Tagen ein Eichhörnchen wohnt (die können ganz schön aggressiv sein! sagt der Elektrotechnikstudent, der sich zerkratzt und zerbissen auf die Suche nach einer neuen Bleibe machen musste).

Kriää! sagt der Kauz und fliegt davon. Gegen die Liebkosungen des Mondes ist nichts einzuwenden, aber irgendwann reicht es. Klippklippklopp: das Treppchen aus Natursteinsurrogatplatten, Beton aus dem Baustoffkombinat Vauehbee Friedrich Engels in Kleinhahnschreiroda vermischt mit weißlichgelben Kieseln aus der Kiesgrube Vauehbee Süd-Mineral in Großhahnschreiroda 3 (die ersten beiden wichen einem Braunkohlentagebau), das vom Parkplatz – wo zwei Fahrräder ohne und eines mit Hilfsmotor (letzteres gehört dem Hausmeister) in bleichen Peitschenleuchtenklecksen schlummern – zum Wohnanlageneingang, überwuchert mit Briefkästen und nach kaltem Curry riechend, hinaufklettert, hindurch zwischen Walnussbäumen, in denen Teebeutel hängen und riesenhaften Riesenkerbelbüscheln; klippkloppklippklapp hinauf hinauf, Leninas Po treppeltänzelt aufs Stöcklichste: erste Stufe linke Backe, zweite Stufe rechte Backe, dritte Stufe linke… Ihre Haut, leuchtet sie von selbst? Max Schwejksam scheint es so: kaum wahrnehmbares Licht von unvorstellbarer Stärke, strömend aus Quasarpigmenten; kicherndes digitales Licht aus einer anderen Realität voller Neuschnee, über dem ein feixender rosa Mond mit Nachtmütze und guter Laune am Himmel lümmelt.

Plattenbau unsaniert; essehdeliche Pressbetonwohnwaben, sieben mal zwomal fünfundzwanzig, dreihundertfünfzig Zwölfquadratmeterschachteln mit zigarettenfleckigem Linoleumboden, Fliegengitter und dreiarmiger Deckenlampe (Glasglocken entfernt von Max Schwejksam, nachdem er eine beim mittäglichen Gähnreckstrecken mit den Händen heruntergeklirrt hat). Duschen zwomal acht im Keller; bei feuchtem Wetter verirren sich Regenwürmer aus den Bodensielen auf die fiebriggelben Kacheln. Unzerstörbarer Betonkommunismus in Quaderform, langsam in vom Waldrand her vorrückender Brennnesselwildnis verexostblockend. „Zeit, dass das verdammte Ding leergezogen und abgerissen wird“, so der Hausmeister oft. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hat er am Hauseingang, neben dem schwarzen Brett mit Laptopverkaufsangeboten und Klappradgesuchen, einen gar widerwärtigen Kalender aufgehängt: Werbematerial eines Gartencenters – Familie Pieksigel hat alle Sorgen der unteren Mittelschicht Mitteleuropas: Zwischen Sportschau und Flohmarktbesuchen erquickt man sich an allerlei Gartenarbeit, stets unter Einsatz diverser Gartencenterprodukte. Die Igel weisen keine konsistente Größe auf: mal scheinen sie so groß wie Menschen, mal reiten sie auf einem Marienkäfer. Töchterchen Pieksigel: „Aber Papi! Hast du schon mal was von Homöopathie gehört?“ Papa Pieksigel: „Sicher! Aber gibt’s das jetzt auch für Pflanzen?!“ Max und Lenina beschmunzäugeln sich – gemeinsamen Plan mit kurzem Näschengekos besiegeln. Ripprupp runter mit dem Kalender! Grrr! Zu winzigen Schnipseln, mit großem Hui-Schwupp in einen garstigen Hagebuttenstrauch. Ätsch Gnihi! Da geht ihr hin, ihr Igeltiegel.

Zuletzt war ich für Lehramt Romanistik eingeschrieben: die einzige Studienrichtung, die sich ohne Langzeitgebühren noch ein weiteres Semester ausdehnen ließ. Das schmuddelige, graue, miefige, zugleich irgendwie liebenswerte Wohnheim sehe ich, wenn ich es aus den Tiefen meines Gedächtnisses heraufhole, meist bei Wintermorgendämmerung. Ich pflegte nachts zu arbeiten – nicht an Universitätsdingen, sondern an meinem Curiepolis-Roman, der damals noch nicht so hieß. Wenn ich mich bei Tagesanbruch müde fühlte, ging ich, gehüllt in tintenblaue Nebligkeiten – denn das eng eingeschnittene Saaletal, in dem Jena liegt, zieht im Winter Nebel, im Sommer lastende Schwüle an – zu der Bäckerei neben der Straßenbahnhaltestelle, um mir ein belegtes Brötchen zu holen. Kauend marschierte ich zurück zur siebengeschossigen Masse aus Moder und altem Beton und fiel ins Bett.

Einige Leute, denen ich den Text zeigte, bemerkten, der Max Schwejksam müsse wohl so eine Art „Stand-in“ für den Autor sein; doch dies stimmt nicht. Max ist nicht Fabian Herrmann, er hat einen anderen, ruhigeren, etwas „nebelhaften“ Charakter. Max Schwejksam ist großgewachsen, raucht – nun gut, in dieser Hinsicht ähnelt er seinem Erfinder (doch wer erfindet hier eigentlich wen?!) – verfolgt keine klar erkennbaren Ziele: Ein Drifter, ein eidechsenhafter Mann, der auf einer von außerirdischen Robotern veranstalteten Party irgendwo in den endlosen Wäldern Nordostdeutschlands seine Freundin Olga Koroljowa – eine russische Kerntechnikerin – kennenlernt, womit ich die beiden Hauptfiguren des Buches, so wie ich es 2012 konzipierte, beisammen hatte.

Die Morgendämmerung? „Nehmt euren Wolf“, rät der Krabbenroboter, dessen compuschnurrendes Innenleben offenliegt, „reitet auf ihm zum Bodden. Die Zeit ist richtig.“

Gesagt, getan. Olga springt auf ihren Reitwolf, Max setzt sich kuschlig hinter sie, Arme um ihren weichen Bauch, schmiegt sein Gesicht an ihren Rücken: Duft von Karamell, Kirschkuchen sibirischen Frühlingsblumenwiesen. Olga pfeift leise, der Robotwolf sprintet los – durch ein offenes Fenster mit einem Satz hinaus ins Freie –, galoppiert in tollem Tempo kantipper kantapper (denn wie ihr alle wisst, beschreibt dieses Geräusch einen rennenden Roboter und mitnichten einen schlappigen Eierkuchen) in den Wald hinein.

„Was ist ein Bodden?“ erkundigt sich Max Schwejksam.

„Eine Art Lagune. Quasi eine Bucht, die durch eine Landzunge vom Meer abgetrennt ist. Man nennt sie im Baltikum so.“

Der Robotwolf flitzt schnurstracks durchs allerdichteste Tannicht, Schlamm, Laub, moosige Holzsplitter wirbeln spritzen. Zwischen den Bäumen verfärbt der Himmel sich allmählich von Schwarz zu schattigem Kupfergrün. Ohne an Geschwindigkeit einzubüßen, jagen sie einen flachen Hang hinauf: atmende Weite der Ebene! Walddüster bleibt zurück. Wiesen, schlummernd unter dem metallischen Nebel des ganz frühen Morgens. Bockwindmühlen, Windkraftanlagen, Kohlfelder, Segelfluggelände, schwarzschweigende Seen Teiche, Gewächshäuser, vom Infrakstrukturvakuum zur Ostalgiebröckligkeit korrodierte mecklenburgvorpommeranische Maldörfer: Vorbei fliegt die frühgraue Flachlandschaft. Da, schau, da dort: Silbrige Schwertklingenblänke zwischen Gebüschen vor uns, der Bodden!

Am Ufer bleibt der Wolf stehen. Vibrierendes Maschinentier aus Titan, Stahl, Kupfer, Kunststoff, Kabeln, Platinen, Schaltkreisen: Kein Hecheln, kein Atmen, kein Herzschlag, kein Nassfellgeruch, nur smaragdleuchtdiodende Augen schmal und zwohundertmegaelektronenwild, kosmischtief summendes Energieflussdichtenherz pumpt zirkulierende Salze, in denen fissile Stoffe schwimmen. Olga und Max steigen ab. Weichkalter Schlammschmeichelboden. Völlige Ruhe, Land Bäume Enten schlafen noch. Sie halten sich an der Hand. „Schau, der abnehmende Halbmond!“ Halb lichtweiße, halb mattgraue Sphäre andersweltlich am schwarzblauen, tintenblauen, meerblauen, stahlblau aufglühenden Himmel. Olga führt Maxens Hand zu ihrem Bauchnabel, er erkost die warme Rundtiefe. Die Sonne kommt; nur noch wenige Minuten, dann wird sie den Horizont gewinnen. Der Mond ist riesig. Der Mond schwejkt. Der Mond lacht. Der Mond summt eine eintönig-glückliche Melodie. Der Mond steht über der Landschaft, die in wolkigblauem Glühen bebt. Eine Ente schnattert erwachend.

Max zieht sich Hemd, Hose, alle Kleidungsstücke aus. Supersymmetrie: Zwei nackte Menschen. Er hebt die linke Hand, um Mond, Ente, Sonne, außerirdische Roboter zu begrüßen. Hinter den kohligen Landzungen, die den Bodden vom Meer abtrennen, solt’s empor blutorangenrot, scheinbar den asymptotischen Riesenast sieben Gigajahre zu früh erklimmend. Hoffnungslichtfontainen spielen in Olgas Schamhaar. Das Sonnenlicht ist außerirdisch. Außerirdische stören sich nicht an menschlicher Nacktheit: „Die leben doch schon in der Zukunft! Archaische Schamgewohneiten sind für sie blasse Erinnerung aus der Vorzeit“ – Max.

„Leg deine Hand auf meinen Po, kraule ihn. Sonnenlicht, Mondschein sind abstrakt, deine Hand ist konkret. Der abnehmende Halbmond über der Lagune – oder dem Bodden, wie man hierzulande sagt – schafft eine robotische Morgendämmerung. Aber jetzt, wo die Morgensonne eingetroffen ist, erzittert das schlammdunkle Wasser unter auffrischendem Wind wie eine Tierhaut. Schau, die Ente ist aufgeflogen, schwebt der Sonne entgegen. Die Zeit der organischen Strukturen hat begonnen.“

Max und Olga liebten sich am Ufer des baltischen Meeres. So haben sie sich kennengelernt! Ich bin nicht unmittelbar dabeigewesen, habe aber einige Kilometer weiter in einem Gasthaus am Strand zusammen mit einem katholischen Landpfarrer Honigbier getrunken. Das unrasierte Kinn ist’s mir hinabgeronnen, die Zunge hat nichts abbekommen.

Der „Ich“, der hier den russischen Märchenerzähler mimt (denn es ist ein Märchen, nicht etwa eine Space Opera), kommt in späteren Curiepolis-Texten nicht mehr vor. „Spätere“ bedeutet: die, die zum ersten Band gehören – diese habe ich nach meinem Umzug aus dem unsanierten Plattenbau in einen sanierten am anderen Ende der Stadt zu schreiben begonnen, mit fokussierter Intensität seit Anfang 2016: Auftritt von Annika Palmstroem! Titelgebende Hauptfigur des ersten Bandes. Die Frühtexte, die sich um Max Schwejksam und Olga Koroljowa drehen, werden in den zweiten Band eingehen (vorläufige Titelidee: „Die Suche nach Max Schwejksam“), sie spielen zeitlich vor der Annika-Handlung, erzählen die Vorgeschichte – wie Curiepolis, Republik der Genies im Pazifik, erdacht und gegründet wurde… doch in meinen Geschichten gibt es mehr als eine Zeitdimension, der Satz vom Grunde erweist sich als bestenfalls brauchbare Näherung für Spezialfälle – mit „vorher“-„nachher“ ist’s daher so eine Sache.

Der Sonnenaufgang, den Max und Olga am Bodden betrachten, kam zögerlich bei mir an, kaum merklich zunächst. „Wann werden Sie denn mit Ihrem Buch Geld verdienen?“, fragte die Fallmanagerin. Vorher hatte ich mich mit ihr über Wittgenstein unterhalten, sie hörte mit halbem Ohr zu, während sie meine Eingliederungsvereinbarung vorbereitete. Eingliederung in den Arbeitsmarkt: Dabei hatte ich doch Arbeit, und nicht zu knapp! Doch die gefühlte Mehrheit der Einwohner Jenas (und der umgebenden Ortschaften) ließ den Leitsatz „Die Werkbank ist deine Barrikade“ seit anno Neunundachtzig in ihren Gehirnen verstauben; mit einem Menschen konfrontiert, der die Kühnheit hatte, Kunst als Arbeit anzusehen, holte man ihn moralfingrig hervor. Das ging ja schonmal gar nicht, dass irgend so ein asozialer Parasit um vierzehn Uhr aufstand, behaglich spätstückte und dann bis sechs Uhr morgens seinem „Hobby“ nachging! Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Torgau und Bautzen zu schließen – man musste diese irregeleiteten Saboteure irgendwie zur Räson bringen. Ähnliche Auffassungen vertreten die nordamerikanischen Puritaner, mit dem einzigen Unterschied, dass „Sozialleistungen streichen, durch Hunger zur Arbeit zwingen“ die Rolle von Torgau und Bautzen vertritt. Kunst ist eben weder kapitalistisch noch kommunistisch, sondern aristokratisch: Arbeiter und Bauern füllen den Kühlschrank, der Brahmane macht ihn leer und versorgt dieweil die Jahrtausende mit Schönheit, Wissen, Ideen. Frustrierend für die Arbeiter und Bauern – „Ich glaube nicht, dass über Philosophie nachzudenken ein Beruf ist!“ sagte einmal ein Ingenieur zu mir, und wies anschließend darauf hin, schon als junger Mann in der Ukraine „auf Montage“ gewesen zu sein und von da an von Jahr zu Jahr mehr gearbeitet und mehr verdient zu haben… so kam es, dass man in den amerikanischen Nordstaaten gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, in den Südstaaten nach dem Bürgerkrieg und in Europa nach 1918 die Aristokratie ab-, und Fallmanagerinnen anschafften, die nach der Vermarktbarkeit von Kunstwerken fragen.

Meine Lakaien zahlten zwar pünktlich zu jedem Monatsende Tribut, doch Kunstsinn ging ihnen ab. In Erfurt, dreißig Zugminuten von Jena entfernt, fand monatlich ein „Treffen junger Thüringer Autoren“ statt; dort trat ich regelmäßig mit neuen Curiepolis-Texten an. Man schnaufte. Man schüttelte die dicken Köpfe. Die Damen sahen damenhaft-gelangweilt drein, die Herren scharrten mißbilligend mit den Füßen. Die Adjektive müsse ich entfernen! ermahnte mich der inoffizielle Anführer des Ganzen schließlich eines Tages; Adjektive seien die Feinde von Substantiven, meine Texte seien in ihrer momentanen Form unlesbar, ich solle sie mit einem automatischen Softwaretool, das es da und da zum kostenlosen Download gebe, von den bösen Adjektiven säubern. Meine Anmerkung, dass Anti-Adjektiv-Hasspropaganda eine Erfindung der aktuellen westlichen Literatur mittlerer Machart sei, weder ein Autor des achtzehnten Jahrhunderts noch moderne Schriftsteller, die sich der Hemingwayfizierung widersetzten – genannt seien DÖBLIN, ARNO SCHMIDT, HERMANN BROCH und einige andere –, würden an Adjektiven irgendetwas Verwerfliches sehen, fiel auf taube Ohren. Ich kehrte dem Treffen junger Autoren den Rücken – in einem Nachtbus fuhr ich aus Erfurt davon, „Apokalyptiker und Integrierte“ von UMBERTO ECO lesend: wenn meine Erfurter „Widersacher“ Integrierte waren, war ich dann ein Apokalyptiker??

Ich beschäftigte mich zu dieser Zeit mit dem Integrierten Brutreaktor (Integral Fast Reactor – IFR) des Idaho National Laboratory: Da mich Curiepolis nicht immer voll auslastete, hatte ich mit einigen anderen Leuten im Internet den Verein „Nuklearia e. V. – Für moderne und sichere Kernenergie“ gegründet und verfasste für die Vereinshomepage allerlei Abhandlungen.

Dass ich pädagogisches Talent habe, war auch bis zu obenerwähnter Fallmanagerin durchgedrungen: Um meinen Arbeitswillen zu stärken, verfrachtete sie mich nacheinander an eine Grundschule – wo ich das Schulfest ausrichten und eine Jubiläumsschrift verfassen half – und ein Gymnasium, um auf die Schulbücherei aufzupassen. „Hm, hm, also – Sie… also wissen Sie: vorher saßen hier immer eher so sozial schwache Menschen! Also Sie sind da irgendwie anders!“, brubbelte ein Jugendlicher. „Ich hoffe, nach Ihnen kommt jemand, der genauso tolerant ist!“, sagte ein Siebtklässler (den ich, wenn ich gewollt hätte, vom Fleck weg einpacken und adoptieren hätte können); er bezog sich darauf, dass ich die Schüler auf den Bücherei-PCs Counterstrike zocken ließ, und, um ein wenig Nachhilfeunterricht in Spielegeschichte zu erteilen, ihnen zeigte, wie man ZDOOM installierte: „Minecraftshooter“ nannten einige Jugendliche den Schrecken aller Pädagogen und ZEIT-Feuilletonisten der Neunzigerjahre, der pixelklotzigen Grafik eingedenk. Auch in Physik und Mathematik gab ich Nachhilfe, half zur Sonnenfinsternis Camerae Obscurae basteln und unterstützte während der Projektwoche ein Fernrohrbauprojekt. Recht lustige Minijobs: es gefiel mir (und nicht nur wegen des pausenlosen Kaffeenachschubs aus der Schulkantine), ich spielte sogar mit dem Gedanken, Lehrer zu werden und schrieb entsprechende Bewerbungen. Das Bildungszentrum Prerow lud mich ein: „Was kömmer denn für Se tun?“ „Äh, ich würde gerne als Mathematik-, Physiklehrer quereinsteigen…“ „Na, dann füllnse das und das aus, schickens ans Bildungsministerium hier. Wennse sich nochn bissel umsehn wolln, gehnse aufn Hof runter. Wenn der Hausmeister fragt, sangse, Se komm von mir.“ Verdedeärrter Sandhaufen in der Ostsee! Wollte ich etwa aus Jena, welches mir zu provinziell erschien, in die Einöde umziehen, um dort Genosse Geherda unter lauter Genossen Geherdas zu werden? Nein.

„Ich bin sehr! Enttäuscht!! Dass Sie diese Arbeitsmöglichkeit ausgeschlagen haben!!!“ Die Fallmanagerin spielte wahrscheinlich mit dem Gedanken, mich mit einer Eselsmütze auf dem Kopf in die Ecke zu stellen. Doch ich hatte eben andere Pläne.

Manche, die Auszüge aus meinem Curiepolis gelesen haben, loben die Waldszenen und Landschaftsbeschreibungen: Wunderbare Spätromantik. Doch es ist im Herzen eine urbane Phantasie. Schon bald entwickelte ich, parallel zu Max Schwejksams Abenteuern, die GROSSSTADT-Kontinuität. Ursprünglich sollte sie an unbekanntem Ort auf der Erde spielen – für die Stadt wollte ich noch einen passenden Namen ersinnen, zunächst kam einfach der Platzhalter „Großstadt“ in den Text. Köln nachempfunden: Groß, grau, an einem mächtigen Strom gelegen – von meerahnenden Westwinden umspült, oft unter Regenschauern, Gewittern – Architektur kantig und schwarz wie der „Dobermannkopf“ des Kölner Doms. Wenn ich in Köln bin, halte ich mich gerne auf den Wiesen zwischen Universität, „Kwartier Latäng“ und Aachener Weiher auf – die im Buch geschilderte Stadt ist um eine Universität von enormen Ausmaßen herumorganisiert, Studentinnen spielen eine wichtige Rolle. Später wurde der Platzhalter zum Eigennamen, in ominösen Blockbuchstaben geschrieben: GROSSSTADT – und die Handlungsebene zog auf einen fernen Planeten um, von seinen Bewohnern zunächst ebenfalls „Erde“ genannt, bis ich mich entschloss, dass er, BORGES eingedenk, Tlön heißen solle.

Mit dem tannennadelgrünen Heckenschepperzug sind sie gereist, verreist, aufgebrochen: Gleisschmetternd in die frühabendlich-goldgeränderte Fremdewoallesbeginnt – hinterm Berg, hinterm Berg: brennt es in der Mühle (Schau, Plurabelle, wirklich: wie die horizontnäherglosende Sonnenesse durch die Flügel der Bockwindmühle zwinkert) – über zitternde Stahlstrahlen GROSSSTADTwärts getobt; Grußeisengußgeäst: „Kathedrale!!“ – Felix – „Also sowas nenn‘ ich: Hauptbahnhof. Gleise bis an’n… nee, in Gebäuden gibts den ja nüsch (n Horizont), bis – bis…? Weißt, Plurabelle, komm‘ mir vor wie zwischen zwei Spiegelflächen, die Gleis, Zug, Mensch ewig rekursieren, bis alles in graublaue Nebligkeiten verweht.“ Ansagnnnrrrrknörrrrrssssmmmm und griesige Elektronenstrahlbildschirme, auf denen Zugnummernamegleisabfahrtsankunftszeit(voraussichtliche) dreihundertzwanzigmalzwohundrig flimmklötzen in gewittrigen Farben; drübig das Symbol der GROSSSTÄDTschen U-Bahn komm Pfeil nach Westsüdwest, da neonkachelts rollröhrig hinab: „Heiter hier!“, so Felix konstatierend. Im Tunnelgerausch kusch an hinternkusch neben Plurabelle auf der Längsbank (weinrot, rauswölkendes Schaumocker stellenweise), bernsteinerne Lamprohizas fliegen nullkommafünfsekündlich teimpasswärts, sonst Erdkrustennacht, dannundwann zerblausplittert vom Schleifschuhüberschlag. Zweimal umsteigen. Röhrrollaufstieg in die sträßerne Gletscherlandschaft, trutztraute Platänchen, Zeitungskiosk titelfotofeuerwerkt schminkbunt, 1 Dalmatiner schnürübert, 2ter sitzt porzellanstumm hinter Schaufensterglas (zwischen verstaubten Schirmlampen im Dunstkreis eines Klaviers), Verkehrsstromschnelle, Mädchen auf Fahrrädern, ziemlichhoch flappdonnerts helikoptern (zwei Hauptrotoren, „dicker Brummer“, Abgasschleppe spiralt in Stratuswolkschek). Halben Block weit, Plurabelle lockwinkt schwatzelfen: „Komm, komm!“ (Puter.) Hofeinfahrt links, malgrünes Blech mit Effehzweiohdreiohweh in langen Stürzen, Aufzug knarrsirrt dem Helikopter hinterher. Im 13. Stock: „Och, hübsch!“ – Felix. Buchrücken bedrängeln Retinae, Deckenlampe mit löchrigem Stoffschirm im Flur (bedruckt mit grünlerischem Muster: Leiterbahnen?), Haschblick auf Zwobetten (mädchenviolettknautsch), Stapelspaß in der Küche: „Verena kocht so gern wie sie’n Abwasch grämlich findet“ – Plurabelle. „Mitbewohnerinnen nicht zuhause?“ „Verena wohl grad ausgeflogen, Jenny schlummert. Dort hinten. Psst – hörst sie schnarchen?“ „Ach. Dachte, das sei der Wind im Fahrstuhlschacht.“

Von Reisdampfmilchlennien mild erodierter Wohnblock, Felix am regenfleckigen Küchenfenster (Kaktuslein auf der Fensterbank, hat sogar’n maulbeerfarbenes Blütenei), knabbert getoastete Graubrotscheiben mit Leberwurst, währends kaffenergomascht. „Winterheiterkeit. Kuprumhibbligkeit. Ionisierte Kunststoffbesonnenheit des Universitätsrechenzentrums. Windquirlerei in allen Straßen. Sturmgelaunte U-Bahnen, jagen seismische Gewitter vor sich her. Sirrende Neonröhrenverträumung. Papiersehnsucht und Graphitmoderatorgelauntheit. (Gasgekühlter Experimentalreaktor, sechshundertfünfzig Grad Arbeitstemperatur, Forschungszentrum am Ententeich, ferner weise Eichveteranen.) Fotokopiererliebe. Mir behagts.“ (& Plura beehaats nicht, die Dinger sind doch unnütz-einsperrig! && der Teimpass liegt weit im Südosten (Vierzehnstundenreise mit dem Nachtzug), unter ewigem Schnee, in den das Mädchen vom Pass (mit rotem Bommelmützi) einen schmalen Stapfpfad schaufelt…)

2014, 15, 16. Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Bislang hatte ich schubweise an Curiepolis gearbeitet, nun ging ich die Sache mit tagtäglicher Regelmäßigkeit systematisch an. Der erste Band: Er sollte die Tlön-Ebene beinhalten – Max Schwejksam würde im zweiten Band seinen großen Auftritt haben – und die titelgebende Republik der Genies ins Zentrum stellen. Ich erdachte die sechzehnjährige Erfinderin Annika Palmstroem, die von Deutschland nach Curiepolis umzieht und dort mit ihren neuen Freundinnen seltsame Abenteuer erlebt: Mittels des Videospiels „Apokalyptiker vs. Integrierte“ gelangen die Mädchen nach Tlön, wo sie das Etyminorätsel lösen müssen. Umziehen – verreisen – aufbrechen! Als ich sieben Jahre alt war, beschlossen meine Eltern, dem akademischen Flughafennomadenleben den Rücken zu kehren und sich am Bodensee niederzulassen, „damit das Kind an einem Ort stabil aufwachsen kann“. Keine vier Wochen später: „Mami, wann ziehen wir endlich wieder um?“

Das Saaletal hinter sich im Nebel versinken lassen; den Plattenbaublock, dessen Bewohner größtenteils damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu bestasichelnundlämmern, nie wieder sehen müssen! (Seit ich im Arbeitslosenaufbewahrungskarton im Süden der Stadt lebte, erfüllte mich die Erinnerung an das unsanierte Studentenwohnheim mit Wehmut.) Ich brauchte eine Arbeitsstelle. In Mannheim fand eine Technikerkonferenz statt, an der auch die Nuklearia teilnahm. Ich beschloss, einen Vortrag zu fortschrittlichen Raketenantrieben beizusteuern, wobei ich Texte aus meinem Curiepolis-Buch, die mit dem Thema Raumfahrt in Zusammenhang stehen, vorzulesen gedachte – der technologische Teil sollte sich gewissermaßen drumherum ranken. Ich fühlte mich bei diesem Gedanken mutig: Was für Zuhörer würde ich in Mannheim haben? Zumindest waren es keine „jungen Thüringer Autoren“ – insofern war das Erfurt-Fiasko ausgeschlossen –, doch es waren auch keine Literaturwissenschaftler, sondern notabene Techniker – oder eher das einfache Landvolk, das auf der richtigen Seite steht? Sollte ich die Stellen, in denen es um Miniröcke und Mädchenhinterteile geht, zensieren? Nein, Zensur ist, ebenso wie allgemeinverständliche Literatur, was für Nazis und Kommunisten. Unter solchen Überlegungen fuhr ich nach Mannheim (wovon die Fallmanagerin nichts zu wissen brauchte). Ich übernachtete im „Gasthof Stadt Mannheim“, welcher kein Gasthof war, sondern vielmehr eine Absteige, die an eines jener Lokale angeschlossen war, in denen Personen, die sich geradezu Mühe zu geben scheinen, jedes existierende Vorurteil gegen Arbeitslose mustergültig zu erfüllen, ihr ALG-II häppchenweise in Spielautomaten versenken. War das wirklich die richtige Adresse? Speckstraße 19. Passt wie die Faust auf’s Auge – dachte ich, während ich die Tür aufdrückte, durch Nebelbänke von Tabakqualm und Bierdunst zur Theke ging und bemerkte, ich habe ein Zimmer reserviert. Man nickte, man verschwand hinter einer Tür, Stimmengebrabbel, eine Russin erschien, lächelte recht höflich und führte mich die Treppe hinauf. Das reservierte Zimmer sei noch nicht frei, ich könne entweder noch einige Stunden in die Stadt gehen und warten, bis es geputzt sei, oder mit einem Vorlieb nehmen, bei dem man zum Duschen auf den Gang hinaus müsse. Ich beabsichtigte, bis zum Beginn der Konferenz einige Stunden zu schlummern – denn die vorangehende Nacht hatte ich überwiegend mit Vorbereitungen verbracht –, um meine Kräfte aufzubauen, und entschied mich für das badlose Zimmer.

So recht zum Schlafen kam ich zwar nicht – denn ich war aufgedreht, furchtbar aufgedreht!, das ganze System surrte auf hundertzwanzig Prozent Leistung wie ein verrücktgewordener Turbosatz, es knisterte und knatterte in meinen Nervenfasern; – ich ruhte – ohne einzunicken – bis es elf Uhr dreißig war, dann verließ ich den „Gasthof Stadt Mannheim“, fuhr mit der Bahn ins Zentrum, wo ich im Bahnhof hurtig sandwichte, kaffeete, aprikosencroissante; dann mit der Tram: Die Tagung fand in einem Viersternehotel statt, das in allem der exakte Gegensatz zu meiner Kaschemme war: Ich schwor mir, nie wieder in Sachen Übernachtung an falschem Ende zu sparen.

Die Techniker waren größtenteils alt, rüstig-greisenhaft wie weiland Gurnemanz, junge Menschen stellten eine kleine Minderheit in dem Konferenzsaal – eine hübsche blonde Physikstudentin blühte blumig zwischen lauter Disteln. Der Nuklearia-Vorsitzende begann mit seinem Vortrag „Kernkraft und Umweltschutz“, ich winkte ihm zu und er gestete mich zum letzten noch freien Platz. Anführer der Techniker waren das Ehepaar G, dessen weiblicher Teil plötzlich zu schmettern begann, halb Drillsergeant Hartman, halb Lerche: Es gab wohl irgendeine Konfusion bezüglich der Abendessensbestellung, und Frau G nahm dieses Problem mit gebrüllten Anweisungen und No-Nonsense-Autorität in Angriff – Sekunden später war das Abendessen ordnungsgemäß bestellt und ich identifizierte Frau G als Lehrerin, was, wie sich später erweisen sollte, stimmte.

Nach dem Umweltvortrag begann es kräftig zu kugelhäufeln. Der Schulten-Reaktor, ein mit billardkugelgroßen Brennstoffbällen gefüllter Behälter mit Heliumkühlung und hoher Betriebstemperatur, ballt in Deutschland eine Anhängerschaft um sich, die es in Sachen Fanatismus mit jedem Fußball-Fanclub aufnimmt. Ob dies bis hin zu Prügeleien reicht, weiß ich nicht, es sei jedoch bemerkt, dass die Aggressivität gegenüber Anhängern anderer Technologien wie dem Integral Fast Reactor manchmal bedenkliche Ausmaße annimmt. Dies ist wenig verblüffend, wenn man bedenkt, dass der Kugelhäufler in Deutschland erfunden wurde; großtechnisch gebaut wird er nun in China, weswegen ein chinesischer Kerntechniker anwesend war, der über das in Entstehung begriffene Kraftwerk berichtete. Die über das Reaktorgefäß drapierten Schriftzeichenbänder besagten, dass das Aggregat ein Festgeschenk zum 67. Gründungstag der Partei sei –; kaum war der Vortrag vorüber, stürmte Frau G nach vorne und begann zu schmettern. Der Konfuzianismus, schrie sie beinahe, habe sicherlich diesen und jenen Fehler und Nachteil, aber eben auch seine positiven Seiten – die Zusammenschweißung von Millionen zum laserartig gebündelten Willen des Staates sei nicht prinzipiell etwas Übles! Den einen oder anderen Aspekt könne man getrost in Europa einführen! Oh, Frau G, noch ahntest du nicht, wieviel Konfuzianismus hinter den Seidenpapierstellwänden des kerntechnischen Kabukitheaters zum Auftritt bereit stand. Curiepolis ist vom japanischen Festland nur rund zwölfhundert Kilometer entfernt, eine Distanz, die genau richtig gewählt scheint, um die laserartige Bündelung zu übernehmen, die stille Selbstverkleinerung jedoch nicht.

„Herr Herrmann, wären Sie bereit, Ihren Vortrag vorzuverlegen, auf achtzehn Uhr fünfundvierzig? Planänderung, Reihenfolgenänderung, soundso diesunddies dasunddas hmgmbm jajaja sososo…“

Organisatorische Dinge blende ich immer irgendwie aus. Sie marschieren einfach an mir vorbei. Ich delegiere sie an diejenigen, die Lust haben, sich damit zu beschäftigen oder sich damit beschäftigen müssen. Ich nickte einfach. „Jakeinproblemlässtsichmachengehtklarinordnung…“ Ich unterdrückte das Bedürfnis, die Frage der Drillsergeantenlehrerin mit „Melde gehorsamst, dass ja!!“ zu beschwejken und zog mich mit meinem Rechner und zwei crémevollen Muffins in ein hübsches Korbstuhlgelass im Dunstkreis der Rezeption zurück. Das war wahrlich ein Hotel, wie Hotels sein müssen: ein Olymp der klaren Konturen, tertiärfarbene Wärme Kühle daunddort, Lächeln Huschen Stille, angenehme Gerüche. An der Rezeption beschaffte ich mir ein Wifi-Ticket, dann arbeitete ich – jawohl: arbeitete drauflos! Kaum jemand malt sich aus, wieviel Präzisionsvorbereitung hinter einem Fabianherrmannvortrag steckt. Es ist mit Vorträgen wie mit der Literatur: Sie denken alle, dass sei so etwas, dass man entspannt nebenher jadeldodeldüdeldeit… breiigster Unfug. Ich plane einen Raketenvortrag wie einen Raketenstart, anders gelingt es nicht. Slide für Slide durch die Präsentation trippeln, dieses jenes Detail glatthobeln (welche Leistung setzt ein D-He3-Triebwerk um, dass einen Einmillionentonner konstant mit eingeeh beschleunigt? Wartetmalwartet, brauche Atomare Masseneinheit in kagee – und das Elektronvolt in Dschuul [merkt sich jemand im Googlezeitalter solche Zahlen hirnweise? Praktisch wär’s irgendwie…] Noch viel wichtiger: Der Text Text Text!! Hier: Lahmer Satz. Dort: Schwaches Adjektiv – zwei stärkere hin! Da: Semantischer Mischmasch – auftrennen, umordnen, drechseln, hobeln, glätten. Dadada: Klapprige Beschreibung technischer Apparaturen, lieber: eine Prise technoquarrigstes Dada! (Darauf achten, es präzise vorzulesen!) Nun noch ausdrucken: Der Rezeptionsmann durfte keine USB-Sticks in seinen Rechner injezieren, Virusgefahr. Emailempfang blieb irgendwie im Server stecken – da trabte schon wieder die Lehrerin an. Ich: „Brauche zweiten Rechner, aufzustellen neben meinem. Von meinem die Slides an den Beamer. Vom Zweitrechner werde ich ablesen.“ „Geht in Ordnung. Fünfundvierzig Minuten, keine Picosekunde länger!!!“ „Oh. Ich.“ „Fünfundvierzig Minuten! Dann Abendessen, zackzackzack!“ „Sir, JA!!, Sir.“ Ich schwor mir, die Drillsergeantin stolz zu machen.

Achtzehn Uhr zehn. Pinkelpause.

Achtzehn Uhr fünfzehn. Zigarette.

Achtzehn Uhr fünfundzwanzig. Aufgekratzt hin- und hertrotten.

Achtzehn Uhr dreißig. Weiter hin- und hertripptrapp.

Achtzehn Uhr fünfunddreißig. Rechner hepp, Netzteil in Achselhöhle, Papierereien irgendwie in die dritte bis fünfte Hand gequetscht. Zurück zum Konferenzraum.

Noch referierte eine sozialistische Technologiehistorikerin über Kernenergiepolitik des Ostblocks nach Tschernobyl. Herr und Frau G gesteten mich auf einen Ehrenplatz, der als Startloch diente.

Achtzehn Uhr vierzig. Herr G zeigefingerte emphatisch auf seine Armbanduhr, den Blick der Historikerin dabei aufzufangen suchend.

Achtzehn Uhr zweiundvierzig! Frau G fächelte mich vorwärts. Sturm aufs Rednerpult. Die Historikerin spiralte sich schlusswärts.

Achtzehn Uhr vierundvierzig, fünfundvierzig. Die Welt trudelte in Zeitlupe. JETZT.

Vierundvierzig Minuten Orkan. Donnerschlag um Donnerschlag. Lesen, erläutern, lesen, zeigen. Aufstehen, hinspringen herspringen, setzen, lesen, gestikulieren – das lass ich weg – dies muss mit rein – weiter weiter weiter, Sturm Sturm Sturm. Stimme auf zwohundert Prozent. (Da quatschen dauernd zwei. Stimme auf dreihundert Prozent.) Antimaterie ist nix für schwache Nerven. Den ollen Robert Zubrin hintenrunter. Thermodynamik überspr… nee, muss mit rein, zuviele Möglichkeiten, über Sciencefiction herzuziehen (es gibt im All keine Tarnung, jedes Raumschiff, das den Namen verdient – d.h. Wärmequelle multigigawättern – fackelt wie’n Infrarotsuchscheinwerfer…); Sciencefiction begann in der Gosse und blieb in der Gosse (– Stanislaw Lem). Der Schlusstext. (Greisigster Grützegreis in der ersten Reihe: „Sie lesen doch was vor. Können Sie’s auf die Projektionswand?“ „Nee. Stöpsel ganz sicher nicht um!!“) Also: Schlusstext – Der Große Mittag. Hikari mit den nickenden Ponys.

„Das Klima aber sei durch alle Jahreszeiten hindurch ein so günstiges, dass man dort ganz frei sei von Krankheit und viel länger lebe als hier und an Schärfe des Gesichts, Gehörs, des Verstandes und was sonst dahin gehört in dem nämlichen Abstand hinsichtlich der Reinheit von uns stehe wie Luft von dem Wasser und Äther von der Luft. Und die Sonne und der Mond und die Sterne würden von ihnen in ihrer wahren Gestalt erblickt und dem entspreche ihre Glückseligkeit überhaupt. Diejenigen aber, die sich durch Philosophie geläutert haben, werden sich nicht das Ziel setzen, körperlos durch alle künftige Zeit fortzuleben, selbst in Wohnstätten, die noch herrlicher sind als die genannten: sondern sie wissen, dass sie wachsen und fortwandern müssen! Denn nur, wenn es der Intelligenz gelingt, soviel wie irgend möglich vom Universum zu ihrem Handlungsfeld zu machen, hat sie eine – vielleicht sehr kleine – Chance, den finalen Kampf am Ende der Zeit mit der Entropie – nun ja: vielleicht nicht zu gewinnen? Aber doch in ein Patt umzuwandeln… Man öffnet im stillen, klaustrophilen Kämmerlein das Fenster: strahlende Helligkeit bricht herein, und klirrend kalte Luft, die einen frösteln macht…“

Sommerhand auf Gänsehaut: „Ist dir kalt? Schläfst du? Alles in Ordnung, Annika? Magst du Tee?“ – Hikari. Annika wendet den Kopf, Hikaris Ponys nicken im Wind, dankbarschau handrückenstreichelnd. „Hast du noch eins von den Reisbällchen? Eins von denen mit gebratenem Tintenfisch?“ Hikari nickt, kichert, hält es Annikas Zähnen hin, fütter-schnapp-schluck. Ein, zwei Wiesenzentimeter näher zueinander. Weichferne Mittagsgeräusche, murmelgedämpft wie durch eine aus Sonnenlicht gewebte Decke, zugleich sehr klar, klar wie der unbegrenzte Himmel. Die Starken sind am mächtigsten vereint; und am glücklichsten.

„Ausgezeichnet.“ „Sie sind ein Meister der Rhetorik.“ „Der beste Vortrag von allen.“ „Noch nie so etwas Gutes gehört.“ „Hervorragend.“ „Unterhaltsam.“ „Phantastisch.“ „Machen Sie das öfter?“ „Unglaublich…“ „Sensationell!“ Sie lobeshymneten mich einstimmig in den Speisesaal (wobei sich insbesondere Grützegreis à la „Hoch droben auf den Pforten“ hervortat). Abendessen.

Ein Chemiker bemerkte, das meerumspülte Inseldasein des Neostaates Curiepolis erinnere ihn an Lummerland aus „Jim Knopf“. Diese Assoziation war mir selbst noch nicht gekommen, obwohl sein Erstlingswerk das einzig Gute ist, was ENDE je geschrieben hat.

Wo, überlegte ich – durch einen Flimmervorhang von Müdigkeit, der das Hotel zu einer seltsamen, verspielten Mondlandschaft werden ließ –, kreuchten denn die Nationalkapitalisten? Pro-Kernkraft-Veranstaltungen ziehen diese Leute an wie eine Lampe die Motten: In irgendeinem Winkel musste es hier aahäffdehen, doch war davon noch nicht viel zu bemerken gewesen; vielmehr hatte Herr G an einer Stelle die „Neue Solidarität“ gelobt, das Hausmagazin der LaRouche-Bewegung, in Deutschland bekannt als „BüSo“ – Bürgerbewegung Solidarität. Lyndon Hermile LaRouche begann seine politische Äußerstaußenseiterkarriere in den Sechzigern als Trotzkist, bis er irgendwann „Politeia“ las und von der fixen Idee erfasst wurde, dass Platons Idealstaat, real umgesetzt, eine dufte Sache sein könnte. Ich sehe Platon bei allem Respekt nicht wirklich als Experten für Lebensgestaltung an: Immerhin sollten die Dichter (bzw. nach LaRouche alle bis auf Friedrich Schiller und einige andere Klassiker) aus der Republik hinauskomplimentiert werden… Die linkslinkeste Technologiehistorikerin (dem Alvin Weinberg haben wir’s geschworen, der Lise Meitner reichen wir die Hand), bemerkte, bei der Aahäffdeh seien die Ohren für kernenergetische Dinge weitoffen, für alles andere verrammelt. Das stimmt; in Sachen Gentechnik steht das AfD-Programm den Grünen an Technophobie in nichts nach. (Den blutbodigen Schwärmern für breithüftige, tüchtige Bürger auswerfende Hausweiber dürfte die curiepolitanische Ektogenesetechnik, die den Übermenschen mittels DNS-Drucker nährlösungstriefend aus der Flasche zieht, ein rechtes Gräuel sein; ganz zu schweigen davon, dass niemand in Curiepolis weiß, was eine „Familie“ seien soll (keine Sorge: in jeder Brigade – meist vierundzwanzig tuschkastenbunt glänzende Haarschöpflein – sind alle für jeden da; „wenn eine mal nicht weiter weiß, hilft gleich die Nebendeern…“)) BLEIBE ICH DAHER VORLÄUFIG NICHTWÄHLER – bis Curiepolis mal wirklich gegründet wird. Doch auch Curiepolitaner müssen schlafen. („Mariet nicht wieder bis spät herum. Ihr braucht eure acht Stunden!“ – Obhut Irmtraud Ostrowski.)

Ich erwachte früh, extrastundenfrisch dank nächtlicher Zeitumstellung, morgenkühl und herrlich still war’s. Duschen, packen, Rucksack über’s Sakko, erdgeschosshinab. „Hätt Ihn‘ Frühstück auf Zimmär bracht.“ (Nett!) Knatschebrötchen und Ekelwurst – nun ja. Greimiges Frühstück in rauchmüffliger Kaschemme, musste ein kleinwenig würgen – dennoch essen, Blutstrom mit Energie befüllen. Bezahlen. „Gibt’s hier Zigaretten?“ „Ja.“ Sie lotste mich in den nochnichtoffenen Hartzfourgulli, startete eine der Zahlenroulettemaschinen (die müssen auch booten, sind anscheinend vollausgewachsene Rechner! Ausgabe deutet auf Windowsderivatiges hin: Dateinamen mit Backslash) – um Geld zu wechseln. Zigarettenautomat. Bong.

Die Kaschemme endlich in meinem Rücken perspektivschrumpfend. Nie wieder übernachtlich am falschen Ende gespart!! Mit der Tram ins Zentrum. Schlurrte vergnügt durch die erwachende Stadt, wunderschön. Träumen, schwärmen, techno-urbanes Glücksgerausch. Nee, nach Prerow Schmerow bringen mich keine tausend Tausend-PS-Halbkettenzugmaschinen! Dort, wo Beton in den Himmel wuchtet, stürmen wir vor.

Am Hauptbahnhof umsteigen, mit weiterer Tram zum Hotel. Wo sind die denn alle?? Hin-her schauen, Konferenzsaal leer – sie waren alle beim Frühstück. Ich hatte nicht im Hotel übernachtet (und somit wohl kein Anrecht drauf), spielte aber der allgewaltigen Organisation einen frechen Streich: Ganz harmlos mischte ich mich sakkoblau unter die Speisenden und machte das Würgefrühstück in der Kalter-Zigarettenqualm-Kaschemme mehr als wett: Würstchen, Lachs, Makrele, Meerrettich, Obst, Oliven, Schafskäse, Mozzarellasalat, Fruchtsaft, Kaffee Kaffee Kafffffeeeeee!! Ha!

(Nie wieder am falschen Ende gespart!)

Man vortragte heute über das Taumeln der Energiewende. Beim Mittagessen ging in meinem Kopf plötzlich ein Zwanzig-Kilokelvin-Plasmabogen an. Ich setzte mich neben den Forschungsleiter eines ganz kleinen Kerntechnik-Startups aus Berlin, das ein ungewöhnliches Reaktorkonzept entwickelte. „Könnte ich nicht bei euch arbeiten?“ „Hm. Öffentlichkeitsarbeit, ja? Wir suchen gerade jemanden.“ „Ihr habt jemanden gefunden. Was kosten denn so die Mieten in Berlin?“ „Ach, du willst richtig nach Berlin ziehen?“ „Na, klar!“ „Ja, da wäre was – unser Geschäftsführer hat ein Haus geerbt – könntest da zur Untermiete einziehen. Für’s erste, zum Übergang.“ „Fein.“

Mit zweierlei neuen Erkenntnissen fuhr ich nachhause. Offensichtlich haben selbst greise Ingenieure mehr literarisches Verständnis als Erfurter Amateurdichterlinge. Arbeitsstellen findet man wie Ostereier: Indem man nicht danach sucht.

Zum letzten allerletzten Mal isst er in der Mensa zu abend; Bratkartoffelecken mit Kräuterquark, sehr schmackhaft, zum Nachtisch Karamellpudding und Kaffee! (Studentenausweis exmatrikulationshalber nichtmehrgültig, doch die Damen, die in der kulinarischen Sektion des Studentenwerks arbeiten, sind sehr gütig, sie mögen Max und schauen nicht genau hin.) Max speist, tunkt Kartoffelstückchen in Kräuterquark, träumt, trinkt Kaffee: Oh, wie schön, dort die Erstsemesterstudentinnen, wie süß und lustig sie sich zecken und necken und fast übereinanderkugeln! Max weint nochmal ein wenig. Schluchzend stellt er sein Tablett aufs Rückgabeband, tripptrappt im Dunkeln – seine Schritte hallen einsam durch die Gassen! – heimwärts, zu dem Studentenwohnheim, das ihn zum allerallerletztletzten Mal in sich aufnimmt und birgt.

Lange schläft er, tief und untermeerisch, wie ein Kalmar, wenn Kalmare je schlafen würden, in seinem Wohnheimzimmer, staubig, warm, sehr vertraut, und endlich morgenhell-milchneblig: Max erwacht, was für ihn recht ungewöhnlich ist, zusammen mit der Welt. Westeuropa rumort im zunehmenden Licht, Autos näseln, Bäckereien-plus-Stehcafé goldgelben gähndampfen, die Bäckereifachverkäuferin (die vorhat, sich nächstes Jahr bei der Bundeswehr zu melden, denn sie sieht ihre Zukunft im Militärischen, nicht im Stehcaféischen) stellt das Schild, das Pflaumenkuchen für Einsneunzig verspricht, auf die Straße, legt den Stapel Boulevardzeitungen auf die Theke, und Max beginnt sich in seinem Zimmer zu regen, seine Zähne zu putzen, trepprunter zu duschen und wieder hinauf, in den grauen, plüschigen Bademantel seiner Oma gemummelt. Was-machen-wir-nun? Vor uns die Welt, die steigt und fällt. Wird es Scherben geben?

An einem tauwettrig-warmen Märztag verließ Max Schwejksam gegen halbacht Uhr morgens das Studentenwohnheim, das ihm nun keine Bleibe mehr sein konnte. Er trug einen graugrünen Mantel, eine karierte Stoffmütze und rote Stiefel. Über die Schulter hatte er den Tragegurt seiner Reisetasche geschlungen, die seine gesamte Existenz enthielt: Bücher, Kleidung, Waschsachen, Bücher, diesunddas zum Essen – Nüsse, Äpfel, Schokolade –, Bücher, einen Laptop und viele Bücher. Schwer, aber nicht zu schwer. In den Manteltaschen trug Max seinen Reisepaß, eine Packung Zigaretten und das Portmonnaie mit seinen kompletten finanziellen Ressourcen – fünfundvierzig Euro (er hatte einige Scheine, die er, im Grunde ein Bankenskeptiker, als Notration für den Fall der Fälle zurückgelegt hatte, zwischen Buchseiten gefunden; der Fall der Fälle schien nun eingetreten) und sechsundneunzig Cent.

So begann die Anabasis des Max Schwejksam.

Die Wanderjahre des Fabian Herrmann begannen am zwoten Januar 2017: Mit dem Transporter einer Speditionsfirma fuhr ich aus dem wässrigen Saalenebel ins Sonnenlicht gen Berlin. Meine Curiepolis-Arbeit wohlverwahrt und mehrfach gesichert auf Festplatte, USB-Stick und DVD in meinem Gepäck… ein Zeichen weht, erwidernd unsrem Zeichen – wir aber spüren nur den Gegenwind.

Kein Herr über uns bis auf die Naturgesetze.

Kein Sklave unter uns bis auf die Maschine.

Vorwärts mit Curiepolis!

Ein Gedanke zu “Sonate für drei Großstädte und eine GROSSSTADT

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